„Ich brauche den Druck“
Stephan Dietel, 39, bloggt seit 2001 auf www.radsportnachrichten.com

Im Vorgespräch hast du von „exotischen Uhrzeiten“ berichtet. Was genau hat es damit auf sich?
Ich sollte zunächst vorausschicken, dass der Blog vielmehr ein Nachrichtendienst für Radsport-News aus der Region Mittelhessen ist, den wir hobbymäßig hauptsächlich mit einem ganz kleinen Team betreiben. An Wochenenden sind wir bei den Rennen, danach wird Material gesichtet und geschrieben. Die Texte werden auch von den lokalen Tageszeitungen übernommen. Ich sitze abends nach der Arbeit normalerweise zwischen 18 und 22 bis 23 Uhr am Schreibtisch, schreibe Texte oder bereite Artikel auf, die uns Radsportvereine zuschicken. Allerdings brauche ich den Druck. Wenn gestern ein Rennen war und ich heute Abend fünf Stunden Zeit hätte, den Artikel dazu zu schreiben, dann wird er nicht so knackig, als wenn ich ihn morgens zwei Stunden vor der Arbeit fertigstellen muss – was ich dann meistens auch tue.

Apropos Arbeit. Was machst du beruflich?
Ich arbeite im Marketing eines Wurstherstellers, was tatsächlich ziemlich spannend ist. Ich bin gelernter Bürokaufmann und habe diesen Job über den Radsport bekommen. Meine Website diente da quasi als Referenz. Ich texte, habe Kontakt zur Presse, mache Bildbearbeitung usw. Und im Job ist es ein bisschen wie bei meiner Radsport-Arbeit. Bloß mit Wurst.

Wie ist deine Seite entstanden?
Ich war Straßenradsportler, hatte aber nie echten Rennfahrer-Charakter. Ich glaube, ich bin in 14 Jahren Rennsport nur drei Wochen einem Trainingsplan gefolgt. Aber dann entstand die Idee, über den Radsport zu schreiben. Zuerst, das war 1999, waren es Erlebnisberichte über meine eigenen Rennen, dann kamen Berichte über Trainingskollegen, andere Vereine, RTFs hinzu und ich habe das dann immer mehr ausgeweitet.

Aber mit regionaler Begrenzung?!
Genau, auf Mittelhessen. Das heißt grob das Gebiet Gießen, Marburg, Wetzlar, Limburg, Herborn und Schotten. Die Region können wir sehr gut überblicken und wir haben da unsere Kontakte. Es gab auch mal Anfragen, ganz Hessen zu bedienen, aber das hätte ich nicht geschafft, zumal ich ja anfangs auch allein war. Mit den Infos beliefern wir dann eben auch Lokalzeitungen und das bereits seit 15 Jahren. Wir planen jetzt auch, Praxisseminare für Radsportvereine anzubieten, damit sie ihre Öffentlichkeitsarbeit optimieren können. So ist den Vereinen geholfen, die Zeitungen freuen sich, dass sie gutes Material bekommen, und wir erhalten Reichweite. Alle sind happy.

Es steckt also viel Arbeit und Struktur dahinter.
Definitiv. Wir machen zum Beispiel immer eine Jahresplanung. Das Projekt in diesem Jahr war: persönlicher werden. Die Leute wussten gar nicht genau, wer Radsportnachrichten eigentlich betreibt. Viele denken auch, wir seien ein Riesenteam und machen das hauptberuflich. Tatsächlich bräuchten wir eigentlich noch personelle Unterstützung. Aber insgesamt, wenn es um diese Seite geht, habe ich immer nur das gemacht wozu ich Lust habe und woran ich Spaß habe, und ich denke, dass es nur dadurch so erfolgreich geworden ist. Einmal habe ich eine Anfrage erhalten, dass jemand die Seite kaufen wollte. Ich habe mir nicht mal den Preis sagen lassen. Das ist ein tolles Kompliment, ja, aber ich würde sie nie verkaufen.

Was machst du in deiner Freizeit wenn du nicht schreibst oder arbeitest?
Wenn ich mal „raus“ möchte, also keinen „Schreibtisch-Radsport“ in der Redaktion betreibe, dann gehe ich zu einer Radsportveranstaltung, denn die bringen mich immer wieder in Momente, die mir persönlich gut gefallen: Beim Mountainbike-Marathon früh morgens in den Wald, beim Rennrad-Everesting neulich in den Sonnuntergang auf einem Feld am Berg, beim Straßenradsport auch mal für ein Foto auf Verkehrsinseln, für den Hallenradsport teils auf kleine Dörfer, deren Schönheit ich dann am Rande entdecke. Man kommt also viel rum – an ruhige Orte oder unter Menschen.

Zum Weiterlesen und Nachfahren:
Stephans Blog
Stephans Tour-Tipp auf komoot